Die Dojo-Kun (道場訓), aus dem japanischen übersetzt „Anweisung für den Ort des Weges (道)“, beschreiben Leitlinien für das Verhalten im Karate-Training. Man kann diese auch grundsätzlich als die Regeln des Dojo (道場) verstehen. Oft hängen diese auch gut sichtbar im Dojo aus und werden nicht selten zu Beginn oder am Ende des Training rezitiert.

Die Gültigkeit und tiefere Bedeutung der Dojo-Kun geht aber weit über das eigentliche Training im Dojo hinaus. Die Dojo-Kun beschreiben die wichtigsten Faktoren für ein tugendhaftes Leben generell und sind somit auch im Alltag anwendbar.

Falls jemand in einer Notsituation gezwungen ist seine Karate-Techniken als Selbstverteidigung anwenden zu müssen, so können diese Techniken den Angreifer unter Umständen auch schwer verletzen. In unserem Verband ist der Unterricht den Schülern vorbehalten, bei denen wir darauf vertrauen können, dass sie ihr Wissen ausschließlich in Notwehrsituationen anwenden. Gewalttätige Schläger werden schnell herausgefiltert, die Grundsätze der Dojo-Kun helfen uns bei diesem Prozess.

Das folgende Bild zeigt die Dojo-Kun von Großmeisters Yuchi Kuda in japanischen Schriftzeichen. Sein Sohn Tomosada Kuda, unser heutiger Großmeister, hat diese nach dem Tod seines Vaters unverändert übernommen.

Dojo-Regeln von Großmeisters Yuchi Kuda
  • Als Karateka1(空手家) bemühe Dich kein selbstsüchtiger, egoistischer Mensch zu werden und stets korrekt zu handeln.
  • Es ist nur natürlich, sich dem Lehrer und älteren Schülern2 gegenüber stets höflich zu benehmen, und auch bei gleichaltrigen und jüngeren Schülern achtet gegenseitig auf euer Verhalten.
  • Katas und Kämpfe beginnen immer mit dem Gruß „Rei“(礼).
  • Die Basis des Karate bilden die Katas. Durch Katas erhoffe Dir aber kein schnelles Ergebnis, sondern vertiefe ständig die Kata- und Kampfübungen.
  • Da es grenzenlos viele Technikkombinationen gibt, bewahre stets deine Disziplin und widme Dich unaufhörlich der Vervollkommnung deiner Techniken.
  • Techniken im Kampf müssen schneller, stärker und präziser3 ausgeführt werden. Versammle deine ganze Konzentration auf dem Gegner und begegne ihm mit aller Kraft. Dabei sollst Du aber nie emotional werden.
  • Vergesse nie, besser zu werden und lerne den wahren Kern der Techniken. Das Lernen im Karate nimmt kein Ende.
  • Benehme dich im Alltag stets korrekt, zügle deinen Übermut und verliere niemals die Vernunft.
  • Bedenke, Hochmut ist eine Pestilenz für den Geist des Karate. Vergiss nie, Hochmut schadet deiner weiteren Entwicklung und auch deinen Qualitäten als Mensch. Im Karate steht man immer am Anfang und nie am Ende.
  • Der Weg des Karate besteht aus Training und der Lebenseinstellung des Karate. Es verlangt von dir das Streben nach Anstand und Aufrichtigkeit um ein honoriger Bürger der Gesellschaft zu werden. Dies gilt es durch Karate zu erreichen.
  • Karate ist Budo (武道), ohne Anstrengung erreichst du nichts. Mit dem richtigen Geist und hartnäckigem Streben gibt es nichts, dass du nicht erreichen kannst.

Die tatsächliche Bedeutung der Dojo-Kun, wie sie in der japanischen Sprache und Kultur verstanden wird, lässt sich aufgrund der Unterschiede zur westlichen Kulktur leider nicht durch eine direkte Übersetzung in unsere Sprache übertragen. Allgemein kann man aber sagen, dass die zentralen Themen der Dojo-Kun die wichtigsten Faktoren für ein tugendhaftes Leben beschreiben:

Respekt, Disziplin, Positivität, Empathie, Selbstbewusstsein gepaart mit Bescheidenheit, Kontrolle der Emotionen und das Wissen, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man all seinen Fokus und seine Energie auf ein Ziel richtet und daran festhält.

Der Trainer versucht diese Werte im Training vorzuleben und zu vermitteln, ohne dabei missionarisch zu sein. Die Dojo-Kun helfen gleichermaßen Kindern als auch Erwachsenen obgleich in Schule, Beruf und im sozialen Umfeld. Sie gelten als das Rezept für ein erfolgreiches Leben.

Fußnoten

1 Karateka ist eine Formulierung für einen Sportler der Karate übt. Diese japanisierte Form ist zwar in der japanischen Sprache grammatikalisch korrekt, in Japan aber eher unüblich

2 Älterer Schüler beschreibt hier den Schüler, der schon länger Karate betreibt. Nicht das absolute Alter ist bei dieser Betrachtung relevant, sondern nur die Zeit seit dem Eintritt in den Karateverein. Das bedeutet, dass auch ein älterer Schüler tatsächlich jünger sein kann

3 Hier handelt es sich um ein Anakoluth (Bruch des Satzbaus): Der Komparativ ist zwar grammatikalisch falsch, aber um möglichst nah ans Original zu kommen wurde dieser hier verwendet

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